23.06.2026

Die Ameise, das Reh, der Steinbock und der Adler


Eines Morgens zog ein Adler seine Kreise hoch über einem weiten Tal. Die ersten Sonnenstrahlen berührten die Berggipfel, während im Wald noch Nebelschwaden zwischen den Bäumen hingen.

Von dort oben konnte der Adler vieles sehen: Die schroffen Felsen am Berg. Die Waldwege im Tal. Die Wiesen voller Leben. Und er sah drei Tiere, die ihm besonders auffielen.

Auf einem Felsvorsprung stand ein Steinbock und blickte ruhig ins Tal. Er schien genau zu wissen, wo er stand und wohin sein Weg führen würde.

Zwischen den Bäumen bewegte sich ein Reh. Mal blieb es stehen, mal lauschte es aufmerksam in die Stille, dann setzte es seinen Weg fort.

Und am Boden lief eine kleine Ameise geschäftig zwischen Gräsern und Steinen umher. Sie war ständig unterwegs und hatte immer etwas zu erledigen.

Der Adler beschloss, die drei näher kennenzulernen.

Er landete zuerst beim Reh. „Ich beobachte Dich schon lange“, sagte er. „Du kennst die Wege des Waldes, begegnest vielen Tieren und scheinst überall zu Hause zu sein. Du bist ein besonderes Reh.“

Das Reh lächelte verlegen. „So sehe ich mich gar nicht.“ 
„Wie siehst Du Dich denn?“, fragte der Adler.

Das Reh zeigte auf die kleine Ameise. „Eher wie sie.“
Der Adler staunte. „Wie eine Ameise?“

„Ja“, antwortete das Reh. „Jeden Tag gibt es etwas zu tun. Hier helfen, dort organisieren, jemanden begleiten, etwas erledigen. Oft sehe ich nur die vielen kleinen Schritte und nicht das grosse Ganze.“

Der Adler dachte nach. Von oben hatte er ein freies Reh gesehen. Von innen fühlte es sich wie eine Ameise.

Gerade als er etwas sagen wollte, hörte er eine ruhige Stimme vom Berg. „Manchmal sehen andere etwas in uns, das wir selbst nicht erkennen.“

Der Adler blickte hinauf. Der Steinbock war näher gekommen.
„Und wie siehst Du Dich?“, fragte der Adler.
Der Steinbock blickte auf seine Hufe. „Ich gehe einfach meinen Weg.“

Die Ameise, die inzwischen dazugekommen war, schüttelte den Kopf. „Einfach? Du scheinst immer zu wissen, was zu tun ist. Du hast einen Plan, triffst Entscheidungen und verlierst nie das Ziel aus den Augen.“ 

Der Steinbock lächelte. „Das wirkt nur so. Auch ich zweifle manchmal. Bevor ich einen Schritt mache, prüfe ich den Untergrund. Nicht weil ich stärker bin als andere, sondern weil ich Verantwortung für meinen Weg trage.“

Die Ameise nickte. Das verstand sie gut. Sie selbst war immer beschäftigt, doch manchmal fehlte ihr die Zeit, innezuhalten und nach vorne zu schauen.

„Und wie siehst Du die Ameise?“, fragte der Adler. Der Steinbock blickte zu ihr hinunter. „Ich bewundere sie. Während ich noch überlege, hat sie längst begonnen. Sie hält vieles zusammen, was andere für selbstverständlich halten.“

Die Ameise wurde still. So hatte sie sich selbst noch nie betrachtet.

„Und wie siehst Du das Reh?“, fragte die Ameise. Der Steinbock antwortete: 
„Das Reh erinnert mich daran, dass nicht jeder Weg gerade verlaufen muss. Es kennt die Menschen und Tiere im Wald, spürt Veränderungen und weiss oft schon vorher, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.“

Nun blickten alle zum Adler. „Und wie siehst Du Dich selbst?“, fragte das Reh. Der Adler schwieg lange. Schliesslich sagte er:
„Ich dachte immer, meine Stärke sei der Blick von oben. Ich sehe Zusammenhänge, Wege und Möglichkeiten. Doch manchmal bin ich so weit entfernt, dass ich vergesse, wie sich das Leben am Boden anfühlt.“

Die Ameise nickte. Das Reh lächelte. Der Steinbock blickte zum Horizont.

Jeder von ihnen trug etwas in sich, was die anderen nicht hatten.

Die Ameise sah die Aufgaben. Das Reh spürte die Menschen. Der Steinbock erkannte den Weg. Der Adler sah die Zusammenhänge.

Während sie miteinander sprachen, stieg die Sonne höher und tauchte das Tal in warmes Licht.

Da fragte die Ameise: „Wer von uns hat eigentlich den wichtigsten Platz?“

Der Steinbock blickte auf den Berg. Das Reh blickte in den Wald. Der Adler blickte zum Himmel.

Dann antwortete der Steinbock: „Keiner.“

„Wie meinst Du das?“, fragte die Ameise. Der Steinbock lächelte. „Der Berg braucht den Wald. Der Wald braucht die Wiesen. Die Wiesen brauchen den Himmel.“

Das Reh fügte hinzu: „Und jeder von uns sieht nur einen Teil der Welt.“ Der Adler nickte. „Erst wenn wir unsere Sichtweisen teilen, entsteht das ganze Bild.“

Die Ameise dachte darüber nach. Dann blickte sie zu ihren Gefährten. Zum ersten Mal sah sie nicht nur ihre Arbeit. Das Reh sah nicht nur seine Empfindsamkeit. Der Steinbock sah nicht nur seine Verantwortung. Und der Adler sah nicht nur die Ferne.

Sie erkannten, dass jeder von ihnen eine besondere Gabe besass. Nicht besser. Nicht wichtiger. Nur anders.

Als die Sonne langsam hinter den Bergen verschwand, machten sie sich auf den Heimweg. Der Steinbock stieg den Berg hinauf. Das Reh verschwand zwischen den Bäumen. Die Ameise folgte ihrem Pfad durch das Gras. Und der Adler erhob sich in die Lüfte.

Doch alle trugen denselben Gedanken in ihrem Herzen:

Manchmal erkennen wir erst durch die Augen anderer, wer wir wirklich sind.


Für meine Schwestern.

Die eine lehrt mich, Verantwortung zu tragen.
Die andere lehrt mich, für Menschen da zu sein.
Und beide erinnern mich daran, dass jeder seinen eigenen Weg hat – und doch Teil derselben Geschichte bleibt.

10.11.2018

Das Glück ist wie ein Schmetterling ...

"Das Glück ist wie ein Schmetterling", sagte der Meister. "Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz Dich hin, und er lässt sich auf deiner Schulter nieder."
"Was soll ich also tun, um das Glück zu erlangen?"
"Hör auf, hinter ihm her zu sein."
"Aber gibt es nichts, was ich tun kann?"
"Du könntest versuchen, dich ruhig hinzusetzen, wenn Du es wagst."
Zen-Geschichte

Photo: Mary Nesnidal 2008

Dieses Bild des Schmetterlings begleitet mich seit vielen Jahren.
Vielleicht weil ich darin vieles erkenne, was das Leben ausmacht:
das Leichte, das Vergängliche, das Schöne und das Unfassbare.

Ein Schmetterling lässt sich nicht festhalten.
Sobald man versucht, ihn zu kontrollieren, verliert er seine Freiheit.
Vielleicht verhält es sich mit dem Glück genauso.

Oft entstanden die wichtigsten Momente meines Lebens nicht aus Planung,
sondern in stillen Zwischenräumen:
in Begegnungen,
in Musik,
in einem Gedanken,
in einem Blick,
oder in einem kurzen Augenblick der Ruhe.

Vielleicht müssen wir nicht alles suchen und erzwingen.
Vielleicht genügt es manchmal, achtsam genug zu sein, damit sich das Wesentliche zeigen kann.

Der Schmetterling erinnert mich daran,
dass Leichtigkeit nicht Oberflächlichkeit bedeutet,
sondern Vertrauen in die Bewegung des Lebens.

Mary Nesnidal 2026

30.05.2018

Es ist verrückt alle Rosen zu hassen....

Es ist verrückt, alle Rosen zu hassen,
nur weil eine Dich gestochen hat und
auf alle Träume zu verzichten,
nur weil sich einer nicht erfüllt hat.
Der Kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry

14.05.2018

Der grosse Reichtum unseres Lebens ......

Der grosse Reichtum unseres Lebens
sind die kleinen Sonnenstrahlen, 
die jeden Tag auf unseren Weg scheinen.
unbekannt

08.05.2018

Wünsche und Visionen

Die Zeit ist reif,
die Wünsche und Visionen,
die in uns leben,
nach aussen zu bringen,
sie zu kristallisieren.
Es ist Zeit zu beginnen.
Die Möwe Jonathan

Mach mal eine Zeitreise
Kostenlos und spannend
Zeitreisen sind Gedankensprünge in die Zukunft - mit einem dortigen Verweilen und einer Rückschau in die Gegenwart verbunden. Eigentlich sind Zeitreisen kontrollierte Fluchtbewegungen: Man verabschiedet sich aus der Gegenwart mit all den Problemen und Einschränkungen, um sich, von diesen völlig befreit, mit einem Wunschszenario zu befassen. Zeitreisen sind also kostenlose Reisen, von denen man mit Einsichten und Plänen zurückkommen kann. Da wir die vorausgedachte Zukunft über kurz oder lang einholen bzw. erleben, ist ein Vergleich zwischen der in Gedanken bereits begangenen Zukunft und der damaligen Realität ausserordentlich spannend.
Zeitreisen sind mentale Prozesse, die echte Kreativität erlauben und eine starke Ausstrahlung ausüben. Mit Zeitreisen befreit man sich von den Engpässen der Gegenwart und der unmittelbaren Zukunft, um Wünsche und Visionen einzuschliessen.
Das kleine Geheimnis: Visionäre Menschen führen immer wieder Zeitreisen durch und wissen so, was sie erreichen wollen. Sie sind zukunftsbezogen und überwiegend positiv ausgerichtet, weil sie mögliche Schwierigkeiten und Hindernisse in der Zukunft in Gedanken bereits gemeistert haben. Dies verleiht Kraft und Charisma.

30.04.2018

Genau in dem Augenblick, als die Raupe dachte,....

Genau in dem Augenblick, 
indem die Raupe dachte,
die Welt gehe unter,
wurde sie zum Schmetterling.

11.04.2018

Willst Du das Glück kennen lernen, ...


Willst Du das Glück kennen lernen, werde so still,
dass Du das Öffnen der Blüte hörst.

Japanisches Sprichwort

16.03.2018

Die Möwe Jonathan von Richard Bach


Richard Bach ist einer der meistgelesenen neuzeitlichen Schriftsteller der USA. Seine zahlreichen Bücher sind in allen möglichen Sprachen erschienen und ausnahmslos Bestseller. Wer auch nur Eines gelesen hat, weiss, warum. Bach schreibt mit Liebe, Humor und aus Erfahrung. Trotzdem ist er kein Lehrmeister -- eher der wohlmeinende Freund an der Tür des Kranken. Einmal hereingelassen, bringt er Mut, Inspiration und Hoffnung.

Schon sowas wie ein Kultbuch
Die Möwe Jonathan handelt von Freiheit, von Selbstverwirklichung, vom Leben selbst. Ein kurzweiliger Schmöker, dessen Tiefe nur begrenzt wird, von der Vorstellungskraft und Offenheit des Lesers selbst. Wer seine Wochenenden gern mit Heidegger und Dostojewski verbringt, oder sich für Stunden in Fachliteratur verlieren kann: Hände weg, das bringt's nicht! Aber wer gern mal mit leichter, nahezu poetischer Lektüre entspannt, wer mit dem Herzen liest, wer gern mit den Möwen über die unendlichen Weiten sanfter Wellen und steiler Klippen seine aero-akrobatischen Kunststücke vollbringen möchte: Mit dem Kissen im Rücken auf's Sofa, anschnallen, und mit beiden Händen das Buch fest umschlingen!

Jonathan ist keine gewöhnliche Möwe. Er nimmt einfach nichts für selbstverständlich hin, es genügt ihm nicht, wie alle Anderen seine fliegerischen Fähigkeiten nur zum Fischen einzusetzen. Jonathan ist verliebt ins Fliegen und in die Freiheit. Er ist besessen von dem Willen, das Beste aus sich herauszuholen, und Nichts und Niemand kann ihn aufhalten. Er ist neugierig, will alles erfahren, alles versuchen, alles verstehen -- selbst wenn es bedeutet, aus dem Kreise seiner Gemeinschaft und seiner Familie verbannt zu werden. In seiner Bescheidenheit, seiner Einfachheit und seiner Tiefe ist Jonathan dem kleinen Prinzen nicht unähnlich, obwohl seine Botschaft nicht ganz so global, nicht ganz so welterschütternd ist. Auch an Hesses Siddartha habe ich mich ein wenig erinnert gefühlt. Jonathan ist ein Aufruf zur Initiative, eine Botschaft an Alle, die ihre Träume und Sehnsüchte noch nicht völlig aufgegeben haben. Selbstverwirklichung, der Mut dazu, dem Herzen zu folgen und einfach das zu tun, was wirklich befriedigt. Wer Jonathan liest, wird es entweder lieben oder hassen. Aber Millionenauflagen, und die Tatsache, dass viele Leser dieses Buches nach weiteren Werken von Richard Bach verlangen, ist ein Beweis dafür, dass Jonathan in vielen von uns steckt. Sehr empfehlenswert für Alle, die gerne fliegen, sei es im Herzen, im Kopf, oder in der Wirklichkeit. --Thomas Kaminski -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels. Amazon.de-Hörbuchrezension

Irgendwie scheinen es oft die Piloten zu sein, die der Literatur schwerelose Märchen mit Kultstatus bescheren. Das war so beim Weltkriegspiloten Antoine de Saint Exupéry, der seinen Kleinen Prinzen zu den Sternen und Planeten schickte, und so ist es auch beim amerikanischen Wettkampfflieger Richard Bach. "Als Pilot sollte man sich das Gefühl, das Bild, oder auch die Geräuschkulisse des Erfolgs vorstellen können", schrieb Bach seinen Kollegen ins Stammbuch. Ob er beim Schreiben von Die Möwe Jonathan den Beifall des Lesepublikums schon vor Augen hatte, ist nicht bekannt. Nichtsdestotrotz ist sein Buch von der Möwe, die jenseits der Geschäftigkeit der restlichen Vogelwelt rund ums Fischefangen aus interesselosem Wohlgefallen am Himmel ihre Kreise zieht und so von Neuem Fliegen lernt, aus keinem Bücherschrank mehr weg zu denken.

29.08.2016

Man braucht nur mit Liebe
einer Sache nachzugehen,
so gesellt sich das Glück hinzu.
Johannes Trojan
Herbstimpressionen im Glarnerland: Sonnenblume im Garten des Nachbars.
Foto: Mary Nesnidal, Mitlödi - Glarus Süd.

30.05.2016

Zwischen Worten und Wirklichkeit

Die Welt wird nicht nur von denen bewegt, die reden,
sondern von jenen, die still dafür sorgen, dass etwas gelingt.

Ich sass unruhig auf meinem Stuhl und blickte in die Runde. Die Vorstandssitzung hatte kaum begonnen, doch ich spürte bereits diese schwere Müdigkeit in mir. Es war immer dasselbe: endlose Diskussionen, grosse Worte, unterschiedliche Vorstellungen und irgendwo dazwischen die Frage, wer am Ende bezahlen sollte.

Wenn Musiker auf Politiker treffen, prallen zwei Welten aufeinander. Die einen sprechen von Visionen, Kultur und Kreativität, die anderen von Budgets, Zahlen und Zuständigkeiten. Jeder hatte Wünsche, jeder hatte Argumente, und doch schien sich niemand wirklich zu bewegen. Stimmen wurden lauter, Sätze länger und die Zeit verstrich, ohne dass etwas entstand.

Ich sass still da und beobachtete das Schauspiel. Für mich war längst klar geworden, dass Projekte nicht durch Diskussionen allein wachsen. Sie gelingen nur, wenn jemand im Hintergrund die unsichtbare Arbeit übernimmt. Briefe schreiben. Telefonate führen. Räume organisieren. Lösungen finden, bevor Probleme überhaupt sichtbar werden. Still und leise. Ohne Applaus.

Gerade deshalb war es für mich oft unerträglich, diesem endlosen Reden zuzusehen. Während andere stritten, sah ich bereits die Arbeit, die danach liegen bleiben würde. Ich wusste, dass am Ende wieder jemand gebraucht wird, der die losen Fäden zusammenhält, damit aus Worten Wirklichkeit werden kann.

Und obwohl mich diese Sitzungen erschöpften, blieb ich sitzen. Vielleicht, weil ich wusste, dass nicht die Lauten ein Projekt tragen, sondern oft jene Menschen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass überhaupt etwas bestehen bleibt.