07.08.2026

Der Löwe im Schafspelz

An einem warmen Sommerabend trafen sich die Tiere auf einer Wiese. Sie blickten über das Tal dem langsam sinkenden Sonnenuntergang entgegen. Mitten unter ihnen stand der Löwe im Schafspelz. Er unterhielt die Tiere, erzählte Geschichten und genoss die Aufmerksamkeit. Sein Lachen hallte über die Wiese, und sichtbar fühlte er sich im Mittelpunkt wohl. Weit entfernt stand der Steinbock auf einem Felsen. Ihm gegenüber sass hoch oben auf einer Fichte der Adler. Schweigend beobachteten beide das Geschehen und freuten sich über die lebhaften Gespräche, die zwischen den Tieren entstanden. Plötzlich erhob der Löwe seine Stimme. Mit breitem Lachen und stolz erhobenem Haupt rief er: «Dem Adler und dem Steinbock nahm ich immer alle Arbeiten ab. Ich bin der Einzige hier, der sich allein um die Familie kümmert. Dem Adler und dem Steinbock sind wir nicht wichtig!» Der Steinbock und der Adler blickten sich an. In ihren Augen lag tiefe Enttäuschung. Keiner von ihnen hatte den Löwen je gebeten, diese Aufgaben zu übernehmen. Vieles hatte er aus eigenem Antrieb getan – und nun hielt er es ihnen vor allen vor. Der Steinbock schüttelte langsam den Kopf. Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und verschwand hinter dem Felsen im Wald. Der Adler breitete lautlos seine Flügel aus. Er löste sich von der Fichte, stieg in die warme Abendluft und flog dem Sonnenuntergang entgegen. Auf der Wiese wurde weiter gesprochen und gelacht. Doch zwei Tiere waren gegangen – nicht aus Zorn, sondern weil Worte manchmal Wunden hinterlassen, die in der Stille leichter heilen als im Lärm.

23.06.2026

Die Ameise, das Reh, der Steinbock und der Adler


Eines Morgens zog ein Adler seine Kreise hoch über einem weiten Tal. Die ersten Sonnenstrahlen berührten die Berggipfel, während im Wald noch Nebelschwaden zwischen den Bäumen hingen.

Von dort oben konnte der Adler vieles sehen: Die schroffen Felsen am Berg. Die Waldwege im Tal. Die Wiesen voller Leben. Und er sah drei Tiere, die ihm besonders auffielen.

Auf einem Felsvorsprung stand ein Steinbock und blickte ruhig ins Tal. Er schien genau zu wissen, wo er stand und wohin sein Weg führen würde.

Zwischen den Bäumen bewegte sich ein Reh. Mal blieb es stehen, mal lauschte es aufmerksam in die Stille, dann setzte es seinen Weg fort.

Und am Boden lief eine kleine Ameise geschäftig zwischen Gräsern und Steinen umher. Sie war ständig unterwegs und hatte immer etwas zu erledigen.

Der Adler beschloss, die drei näher kennenzulernen.

Er landete zuerst beim Reh. „Ich beobachte Dich schon lange“, sagte er. „Du kennst die Wege des Waldes, begegnest vielen Tieren und scheinst überall zu Hause zu sein. Du bist ein besonderes Reh.“

Das Reh lächelte verlegen. „So sehe ich mich gar nicht.“ 
„Wie siehst Du Dich denn?“, fragte der Adler.

Das Reh zeigte auf die kleine Ameise. „Eher wie sie.“
Der Adler staunte. „Wie eine Ameise?“

„Ja“, antwortete das Reh. „Jeden Tag gibt es etwas zu tun. Hier helfen, dort organisieren, jemanden begleiten, etwas erledigen. Oft sehe ich nur die vielen kleinen Schritte und nicht das grosse Ganze.“

Der Adler dachte nach. Von oben hatte er ein freies Reh gesehen. Von innen fühlte es sich wie eine Ameise.

Gerade als er etwas sagen wollte, hörte er eine ruhige Stimme vom Berg. „Manchmal sehen andere etwas in uns, das wir selbst nicht erkennen.“

Der Adler blickte hinauf. Der Steinbock war näher gekommen.
„Und wie siehst Du Dich?“, fragte der Adler.
Der Steinbock blickte auf seine Hufe. „Ich gehe einfach meinen Weg.“

Die Ameise, die inzwischen dazugekommen war, schüttelte den Kopf. „Einfach? Du scheinst immer zu wissen, was zu tun ist. Du hast einen Plan, triffst Entscheidungen und verlierst nie das Ziel aus den Augen.“ 

Der Steinbock lächelte. „Das wirkt nur so. Auch ich zweifle manchmal. Bevor ich einen Schritt mache, prüfe ich den Untergrund. Nicht weil ich stärker bin als andere, sondern weil ich Verantwortung für meinen Weg trage.“

Die Ameise nickte. Das verstand sie gut. Sie selbst war immer beschäftigt, doch manchmal fehlte ihr die Zeit, innezuhalten und nach vorne zu schauen.

„Und wie siehst Du die Ameise?“, fragte der Adler. Der Steinbock blickte zu ihr hinunter. „Ich bewundere sie. Während ich noch überlege, hat sie längst begonnen. Sie hält vieles zusammen, was andere für selbstverständlich halten.“

Die Ameise wurde still. So hatte sie sich selbst noch nie betrachtet.

„Und wie siehst Du das Reh?“, fragte die Ameise. Der Steinbock antwortete: 
„Das Reh erinnert mich daran, dass nicht jeder Weg gerade verlaufen muss. Es kennt die Menschen und Tiere im Wald, spürt Veränderungen und weiss oft schon vorher, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.“

Nun blickten alle zum Adler. „Und wie siehst Du Dich selbst?“, fragte das Reh. Der Adler schwieg lange. Schliesslich sagte er:
„Ich dachte immer, meine Stärke sei der Blick von oben. Ich sehe Zusammenhänge, Wege und Möglichkeiten. Doch manchmal bin ich so weit entfernt, dass ich vergesse, wie sich das Leben am Boden anfühlt.“

Die Ameise nickte. Das Reh lächelte. Der Steinbock blickte zum Horizont.

Jeder von ihnen trug etwas in sich, was die anderen nicht hatten.

Die Ameise sah die Aufgaben. Das Reh spürte die Menschen. Der Steinbock erkannte den Weg. Der Adler sah die Zusammenhänge.

Während sie miteinander sprachen, stieg die Sonne höher und tauchte das Tal in warmes Licht.

Da fragte die Ameise: „Wer von uns hat eigentlich den wichtigsten Platz?“

Der Steinbock blickte auf den Berg. Das Reh blickte in den Wald. Der Adler blickte zum Himmel.

Dann antwortete der Steinbock: „Keiner.“

„Wie meinst Du das?“, fragte die Ameise. Der Steinbock lächelte. „Der Berg braucht den Wald. Der Wald braucht die Wiesen. Die Wiesen brauchen den Himmel.“

Das Reh fügte hinzu: „Und jeder von uns sieht nur einen Teil der Welt.“ Der Adler nickte. „Erst wenn wir unsere Sichtweisen teilen, entsteht das ganze Bild.“

Die Ameise dachte darüber nach. Dann blickte sie zu ihren Gefährten. Zum ersten Mal sah sie nicht nur ihre Arbeit. Das Reh sah nicht nur seine Empfindsamkeit. Der Steinbock sah nicht nur seine Verantwortung. Und der Adler sah nicht nur die Ferne.

Sie erkannten, dass jeder von ihnen eine besondere Gabe besass. Nicht besser. Nicht wichtiger. Nur anders.

Als die Sonne langsam hinter den Bergen verschwand, machten sie sich auf den Heimweg. Der Steinbock stieg den Berg hinauf. Das Reh verschwand zwischen den Bäumen. Die Ameise folgte ihrem Pfad durch das Gras. Und der Adler erhob sich in die Lüfte.

Doch alle trugen denselben Gedanken in ihrem Herzen:

Manchmal erkennen wir erst durch die Augen anderer, wer wir wirklich sind.


Für meine Schwestern.

Die eine lehrt mich, Verantwortung zu tragen.
Die andere lehrt mich, für Menschen da zu sein.
Und beide erinnern mich daran, dass jeder seinen eigenen Weg hat – und doch Teil derselben Geschichte bleibt.